Digitalisierung, das Unwort des Jahres?

Immer wieder beobachte ich, wie Manager:innen in Banken (aber auch in anderen Branchen) „Digitalisierung“ und „digitalisieren“ für ein und dasselbe halten und Prozesse, Strukturen und Rollen eins zu eins vom Analogen ins Digitale übertragen möchten… Das ist selten sinnvoll, häufig teuer und führt fast immer zu enormen Frustrationen seitens der Mitarbeiter:innen und Kund:innen. Die beiden Begriffe (und dass, wofür sie stehen) gleichzusetzen führt meiner Überzeugung nach in fast allen Fällen zu gravierenden Fehlentscheidungen in der Planung und Umsetzung von Digitalisierungsvorhaben.

Für viele ist der Begriff ‚Digitalisierung‘ vom facettenreichen Schlagwort zum Angst- oder gar Unwort geworden.

Doch was genau bedeutet Digitalisierung? Wenn Menschen von Digitalisierung reden, dann reden sie häufig aneinander vorbei. Das liegt daran, dass das Thema so umfangreich ist und es nicht eine einzige, geschweige denn eine richtige Perspektive gibt. Für jeden Menschen bedeutet die Digitalisierung etwas anderes; auf jeden Menschen wirkt sie sich anders aus. Nicht wenige behaupten deshalb sogar, dass es sich bei der Digitalisierung genauso wie bei der Nachhaltigkeit oder Identität um einen nicht-greifbaren Begriff handelt, der abgeschafft werden sollte.
Die Begriffe Digitalisierung, Digitale Transformationen und Digitaler Wandel sind eine deutsche Erfindung! Haben Sie sich schon einmal mit einer Person aus Nordamerika, China, Südkorea oder Estland, um nur einige Beispiele aufzuzählen, über die Auswirkungen und Möglichkeiten der Digitalisierung unterhalten? Sie werden mit hoher Wahrscheinlichkeit in ein verständnisloses Gesicht geblickt haben. Das hat nichts mit einem Mangel an technologischem Grundverständnis oder digitalen Fähigkeiten und Kompetenzen — kurzum: an Digitalität — zu tun: Das Konzept der Digitalisierung ist aus Sicht Ihres Gegenübers vollkommen absurd. Absurd deshalb, weil das Konzept eine derart tiefgreifende und allumfassende Veränderung beschreiben soll, dass ein einziger Begriff sie gar nicht angemessen abdecken kann. Vielmehr wird Ihr Gegenüber von speziellen Themen und Technologien sprechen — etwa von Blockchain-Anwendungen, Künstlicher Intelligenz oder Cloud-Lösungen. Doch dass, so scheint es, entspricht nicht der deutschen Kultur. Um eine kulturelle Brücke zu schlagen, behandelt diese Meta-Studie deshalb sowohl das Konzept der Digitalisierung als auch die mit diesem Begriff zusammenhängenden Technologien.

Digitalisierung und die Digitale Transformation sind weit diskutierte Themen mit den unterschiedlichsten Definitionen. Dabei liegen die Erklärungen weit auseinander und reichen vom physischen Wandel analoger Informationen in digitale Daten bis hin zur abstrakten Ausschöpfung neuer Möglichkeiten. Ein richtig oder falsch gibt es hier nicht, die Wahrheit liegt i.d.R. bei dem/der Betrachter:in. Begrifflich betrachtet beschreibt die Digitalisierung den Umwandlungsprozess analoger in digitale Daten (und Prozesse). Und gleichzeitig bedeutet Digitalisierung eine Transformation, die weit mehr umfasst als Daten oder Prozesse.

„Unter Digitalisierung versteht man im engeren Sinn die Umwandlung von analogen Daten wie beispielsweise Texte, Bilder oder Töne in digitale Daten.“

—Andreas Kröhling, Senior Experte Corporate Responsibility bei der Deutschen Telekom AG.

„Digitalisierung ist die Nutzung aller technologischen Möglichkeiten für ein neues Kundenerlebnis, erweiterte Geschäftsmodelle und einen Effizienzsprung in der Abwicklung.“

—Andreas Pratz, Partner bei Strategy& Germany, PWC.

Eine der umfangreichsten Definitionen für die Digitale Transformation bieten die Autoren Prof. Dr. Daniel Schallmo und Prof. Dr. Andreas Rusnjak: „Im Rahmen der Digitalen Transformation sind die Vernetzung von Akteuren, wie z. B. Unternehmen und Kunden, über alle Wertschöpfungsstufen hinweg und unter Einsatz neuer Technologien wesentliche Bestandteile. Darauf aufbauend erfordert die Digitale Transformation Fähigkeiten, die die Gewinnung und den Austausch von Daten sowie deren Analyse und Umwandlung in Informationen beinhalten. Diese Informationen sollen genutzt werden, um Optionen zu berechnen und zu bewerten, um somit Entscheidungen zu ermöglichen bzw. Aktivitäten zu initiieren. Die Digitale Transformation kann dabei für Unternehmen, Geschäftsmodelle, Prozesse, Beziehungen, Produkte etc. erfolgen, um die Leistung und Reichweite (…) zu erhöhen.“

Fest steht: Der Digitale Wandel ist bedeutungsreich

Ohne Frage handelt es sich bei der Digitalisierung um einen Megatrend, der unser Leben privat wie beruflich maßgeblich beeinflusst. Die Nutzung digitaler Technologien kann nicht nur Zeit und Kosten einsparen, sondern darüber hinaus die Produktivität massiv steigern. Dies kann sowohl zu materiellem Wohlstand führen als auch zu einer sinnhafteren Lebens- und Arbeitsweise führen. Zugleich bringt der Digitale Wandel aber auch tiefgreifende Veränderungen für uns, unsere Gesellschaft, unsere Kultur, unsere Arbeit, unsere Wirtschaft und nicht zuletzt für unser Finanzsystem mit sich. Wir agieren, konsumieren und kommunizieren anders als noch vor einigen Jahren. Je schneller sich Technologien weiterentwickeln, desto stärker verändert sich auch die digitalisierte Gesellschaft. Was für manche eine Bereicherung ist, sehen andere eher kritisch.

Die Welt ist digital. Big Data, Smart Data, Disruption, Künstliche Intelligenz, das Internet der Dinge, Wearables, und erweiterte Realität sind stark diskutierte Themen, die für viele sogar zu inflationär eingesetzten Unwörtern verkommen. Das Potenzial und die Herausforderungen, die damit einhergehen, unterschätzen leider noch immer viel zu viele. Dabei ist die Digitale Transformation kein Hexenwerk, sondern eine Entscheidung. Eine Einstellung. Ein Weg in eine Zukunft, die schon begonnen hat.

Digitalisierung erfordert Vernetzung. Bisher geschlossene, separierte Systeme werden immer dichter vernetzt werden und zu einer Steigerung von Tempo, Adaptivität und Produktivität führen. In dieser Vernetzung von Millionen von Unternehmen und Organisationen sieht Prof. Dr. Fredmund Malik etwa die größte Herausforderung der modernen Komplexitätsgesellschaft. Gleichzeitig ermöglicht genau diese Vernetzung eine höhere Reichweite und einen leichteren Zwei-Wege-Dialog mit den Kund:innen.

Digitalisierung erfordert Anpassung. Um dem gesteigerten Tempo des digitalen Zeitalters folgen zu können, reicht die Höchstgeschwindigkeit (digitaler Prozesse, Kernsysteme etc.) allein nicht aus. Entscheidend ist vor allem Beschleunigung, denn die menschliche Anpassungsfähigkeit ist im Gegensatz zur Steigerung, mit der neue Technologien entwickelt werden, stark begrenzt.
Digitalisierung erfordert Teilen. Das Einbinden und Koordinieren wichtiger Anspruchsgruppen (Stakeholder) hat mit dem Digitalen Wandel enorm an Wichtigkeit gewonnen. Der Trend geht ganz klar zur Arbeit auf gemeinsamen Plattformen. Grenzen verschwimmen und ihre Gültigkeit wird immer häufiger temporär begrenzt. Einerseits wird Projektarbeit immer gängiger. Andererseits gibt es nicht mehr die eine gesellschaftliche Norm. So finden auch Menschen mit außergewöhnlichen Interessen oder Überzeugungen eine Plattform.
Digitalisierung erfordert Umdenken. Digitale Informationen erlauben uns ein grundsätzliches Umdenken und Verschlanken von wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Prozessen, Wertschöpfungsketten und Organisationen: Digitalisierung entlastet, verschlankt und vereinfacht. Zugleich gestattet sie eine tiefe Detailschärfe, bietet genauere Kennzahlen und ermöglicht höchste Effizienz.
Digitalisierung erfordert Wachstum und Vielfalt. Digitalisierte Informationen sind unter minimalem Ressourcenaufwand beliebig oft reproduzierbar, können weltweit in Echtzeit (kostenfrei) verbreitet werden, fördern durch vergleichsweise geringe Transaktionskosten die Globalisierung, können dank mathematischer Algorithmen maschinell ausgewertet und verarbeitet werden und können insgesamt zu einer Steigerung der Markttransparenz führen. All dies wirkt wettbewerbsverschärfend: Innovationskraft, Kreativität und Leistungsfähigkeit werden belohnt.

Die Digitalisierung stellt viele Akteure der Finanzindustrie vor eine ‚neue‘ Herausforderung und bringt einen tiefgreifenden Strukturbruch. In den Medien ist die Sprache von ‚radikaler Neuerfindung‘ der etablierten Geldhäuser, von ‚Sieger:innen und Verlierer:innen der digitalen Revolution‘. Und das Risiko ist durchaus real, denn der Aufbau und die Funktionsprinzipien der meisten Unternehmen haben ihren Ursprung noch im 19. bzw. 20. Jahrhundert und sind der Komplexität, Dynamik und Geschwindigkeit der Zeit kaum noch gewachsen. Ihre interne Organisationsstruktur ist schlichtweg zu langsam und nicht anpassungsfähig genug, um die nötige Transformation von sich aus zu bewältigen. Erstens sind sowohl die internen IT-Systeme als auch die externe digitale Infrastruktur nicht mehr in der Lage, diese neue Komplexität zu bewältigen. Zweitens erwarten Kund:innen höchstmögliche Benutzerfreundlichkeit, Erreichbarkeit, Transparenz und Qualität der Produkte und Dienstleistungen. Diese Situation wird durch eine strengere Regulierung noch weiter zugespitzt.
Auch blockieren interne Entscheidungsprozesse und ein Mangel an offenen Fehlerkulturen Kreativität und Innovationskraft sowie die Fähigkeit zur Selbstregulierung vieler Unternehmen. Dabei liegen Anspruch und Wirklichkeit im Topmanagement zumeist weit voneinander entfernt. Denn: Dass sich etwas ändern muss, haben laut EY-Untersuchung über 90% der Führungskräfte im Bankenbereich erkannt. Sie rechnen mit einer steigenden Relevanz der digitalen Themen und einer Zunahme des für die Bearbeitung digitaler Themen aufzubringenden Zeitanteils. Dabei macht die Umsetzung und Betreuung digitaler Themen bereits heute ein Drittel der Gesamtarbeitszeit der Mitarbeiter:innen aus.

Ich möchte an dieser Stelle anmerken, dass ich keinesfalls die Meinung vertrete, die Zukunft sei zu 100% digital! „Digital first“ ist ein nettes Claim, doch die Wahrheit ist: Die Welt ist hybrid. Weder wird menschliche Interaktion von Technologie gänzlich verdrängt werden, noch sollten Menschen mit Technologien um die Ausübung von Tätigkeiten konkurrieren, die für Menschen nicht länger sinnstiftend sind; wie ich in „Bionic Wealth“ näher ausführe.

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In Bank 4.0: Wie Digital Leader Gewinne steigern, Kosten senken und neue Ertragsquellen erschließen erfahren Sie mehr dazu, wie sinnvolle Digitalisierung in der Finanzbranche funktioniert

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